Wiener Walzer

Bildnachweis: eigenes Bild

3 Dinge, die ich durch den Tanzsport über Führung gelernt habe

Um Besonderheiten bei der Führung besser zu erklären, werden häufig Vergleiche zur Führung im Sport gezogen. In der Regel werden dabei Mannschaftssportarten bemüht. Mit dem Tanzsport gibt es jedoch eine Sportart, die bei Höchstleistung einige besondere Aspekte von Führung aufweist. Und daraus kann man einiges auch für die Führung von Unternehmen und Organisationen lernen.

Paartanz – und dabei insbesondere der Standardtanz – zeichnet sich dadurch aus, dass man sich als Paar in einer Weise bewegen kann, wie man es als Einzelner nie erreichen kann. Das setzt aber eine besondere Beziehung, ein besonderes Vertrauen zwischen den beiden Tänzern voraus.

Auch Führung in einer Organisation soll erreichen, dass man gemeinsam mehr erreicht, als das die Summe der Einzelpersonen erreichen könnte.

Von 1991 bis 2009 war ich selbst Turniertänzer in der Standard-Disziplin: Langsamer Walzer, Tango, Wiener Walzer, Slowfox und Quickstep waren meine sportliche Welt. Gemeinsam mit meiner Tanzpartnerin war die zweithöchste Amateurklasse das höchste Niveau, das wir erreicht haben.

Turniertanz erfordert eine hohe körperliche Fitness. Im Gegensatz zu den Laufdiziplinen in der Leichtatletik – bei denen die Läufer auch völlig verschwitzt und „mit hängender Zunge“ das Ziel erreichen und gewinnen können – sieht ein guter Tanz bis zum letzten Takt leicht und elegant aus.

Darüber hinaus zeichnet sich der Paartanz durch einige besondere Führungsaspekte aus. Welche das sind beschreibe ich im Folgenden.

Ich formuliere das jetzt aber ausschließlich auf Führung beim Tanzen bezogen. Die Übertragung auf Führung in Organisationen macht bitte jeder für sich selbst.

1. Wer führt, muss eindeutige Signale senden. Wer geführt wird, muss sensibel auf die Führung reagieren.

Führung beim Tanzen ist ein sensibles Zusammenspiel von Führungsimpulsen und der Reaktion darauf. Also eine permanente Aktion und Reaktion von beiden Partnern.

Das bedingt zunächst mal, dass einer führt und der andere sich auch führen lässt. Letzteres ist insbesondere bei den Tanzanfängern häufig nicht gegeben.

Das sich führen lassen ist insbesondere dann wichtig, wenn der Führende noch nicht so gut führen kann.

Die Basis bildet zunächst die Führung mit dem Körper. Die Führung beginnt durch eine erste Gewichtsverlagerung und leitet damit die Bewegung ein.

Das Zusammenspiel von Führungsimpulsen und der Reaktion darauf passiert darüber hinaus innerhalb eines Rahmens, den der Herr mit seinen Armen bildet und in den sich die Dame einbringt. Auf der einen Seite die gefassten Hände, auf der anderen Seite die rechte Hand des Herrn auf dem linken Schulterblatt der Dame und deren linke Hand auf dem rechten Oberarm des Herrn.

In Verbindung mit dem 3. Kontaktpunkt an der Hüfte lässt sich jede Bewegungsänderung führen – solange beide diesen Rahmen nicht aufgeben.

2. Führung kann wechseln

In der Regel sagt man, dass beim Tanzen der Herr führt. Das stimmt aber nur teilweise. Ja, der Herr führt den überwiegenden Teil. Aber die Dame tanzt dabei ihre eigenen Schritte innerhalb des oben genannten Rahmens.

Darüber hinaus gilt aber: Es führt der, der am besten sieht, wo es hingeht.

Führung kann also wechseln.

Hier jetzt mal ein konkretes Beispiel aus der Führungspraxis in Unternehmen: eine Form des Konsultationsprinzips. Dabei werden die Entscheidungen durch die Mitarbeiter mit Kundenkontakt getroffen. Diese holen sich aber im Zweifel vorher eine Meinung ihres Vorgesetzten ein, entscheiden dann aber auf der Basis der Konsultation selbst.

3. Führung muss man üben

Damit Führung im Ernstfall des Turniers – oder um eine Parallele zu den Organisationen zu ziehen, in der Krise – funktioniert, muss man sie üben.

Üben, üben, üben!

Beim Turniertanz verbringt man viele Stunden im Trainingssaal und vergleichsweise wenig Zeit auf dem Turnier.

Führungskräfte in Organisationen verbringen i. d. R. wenig Zeit damit, Führung wirklich zu üben. Und ich würde auch ein Führungstraining nicht als Übung bezeichnen, auch nicht die diversen Rollenspielchen, die in den Trainings gerne durchgeführt werden.

Eine meines Erachtens schöne Gelegenheit, sich in Führung auszuprobieren und zu üben, sind ehrenamtliche Führungsaufgaben.

Freiwillige zu führen, bei denen es keine disziplinarische Verantwortung gibt, ist erheblich anspruchsvoller als im Beruf. Freiwillige können sehr viel einfacher gehen, wenn die Führungskraft schlecht führt.

Wenn man solche Führungsaufgaben – die man oft sogar relativ einfach bekommen kann – geschickt und offen angeht, kann man hier relativ gefahrlos Führung lernen.

Ich hatte früher das Vergnügen: in der Jugendgruppe der Kirche oder bei den Studenten und Jungingenieuren des VDI Verein Deutscher Ingenieure. Und ich habe dabei jede Menge Fehler gemacht– ohne, dass das direkt dramatische Folgen für meine Karriere hatte.

Hier kann ich mir sehr offen Feedback zu meiner Führungsleistung abholen. Als disziplinarischer Vorgesetzter kann das natürlich auch funktionieren. Bedingt durch die Abhängigkeit der Geführten sind die Antworten aber möglicherweise nicht so aufschlussreich.

Zum Abschluss des Aspekts Üben noch ein weiterer Punkt, der meines Erachtens ebenfalls Parallelen für Führungskräfte und Geführte hat: Das Turnierpaar ist nur so gut, wie der Schwächere von beiden.

Fazit

Es gibt viele Möglichkeiten, gute Führung zu lernen. Die in meinen Augen beste ist sicher, wenn man eine Chefin oder einen Chef hat oder hatte, die selber gut führen.

Habt Ihr bzw. haben Sie weitere gute Beispiele für Metaphern oder Übertragungen aus anderen Lebensbereichen auf die Führung? Wenn ja, dann freue ich mich über entsprechende Hinweise in den Kommentaren.

Und mich würde interessieren, wie wir speziell in den Unternehmen mehr Möglichkeiten schaffen können, Führung zu üben – ohne dass der erste Versuch ggf. zu einem „gewogen und für zu leicht befunden“ wird.

Eine Empfehlung für Führungswissen gebe ich gerne noch ab:

Führungstipps für die Ohren – und das auch noch kostenlos – gibt es bei Dr. Bernd Geropp. Früher selbst erfolgreiche Führungskraft im Startup wie auch im Konzern, veröffentlicht er seit Mitte 2013 wöchentlich seinen Podcast Führung auf den Punkt gebracht.

Besonders spannend finde ich dabei zwei aktuellere Episoden (Folge 112 und Folge 113), in denen er Prof. Gunter Dueck zu dessen neuem Buch Schwarmdumm – So blöd sind wir nur gemeinsam interviewt hat. Auch wenn die beschriebene Thematik in ihren Auswirkungen eigentlich traurig ist, hat das Buch doch einen hohen Unterhaltungswert. Und das Interview von Bernd ebenfalls. Insbesondere für Führungskräfte in größeren Unternehmen ist Schwarmdumm für mich Pflichtlektüre.

Adieda

Richard Schieferdecker

PS: Nein, ich veröffentliche einen Blogartikel über Führung und Tanzen natürlich nicht ohne etwas „für die Augen“. Ich habe eine Weile überlegt und mich schließlich für ein etwas ungewöhnlicheres Video der früheren Amateurweltmeister William Pino & Alessandra Bucciarelli aus Italien entschieden. Da hier nichts Einstudiertes getanzt sondern improvisiert wird, spielt die Führung die entscheidende Rolle.

6 Kommentare
  1. Bernd Geropp
    Bernd Geropp says:

    Hallo Richard,

    ein sehr schöner Artikel. Danke auch für die Erwähnung meines Blogs und Podcasts.

    Du sprichst einen sehr wichtigen Punkt an: Führen lernt man in dem man führt. Es ist wie mit dem Fahrradfahren oder dem Tanzen: Das lerne ich auch nicht ausschließlich aus Büchern. Ich muss es tun, um besser zu werden.

    Dein Vorschlag, das Führen im Umfeld einer freiwilligen Tätigkeit, eines Vereins oder ähnlichem zu praktizieren, finde ich einen sehr guten Ansatz.

    Herzliche Grüße
    Bernd

    Antworten
    • Richard Schieferdecker
      Richard Schieferdecker says:

      Hallo Bernd,

      danke für das Feedback.

      Ja, das Führen im Ehrenamt auszuprobieren, ist sicher ein guter Weg. Mir stellt sich aber immer noch die Frage, wie man Führung im Unternehmen ohne größere Risiken üben kann.

      Viele Grüße
      Richard

      Antworten
  2. Kirsten Jetzkus
    Kirsten Jetzkus says:

    Hallo Richard,

    schöner Blogbeitrag! Es gefällt mir, dass du Führung im Ehrenamt so wertschätzt, es ist wahrhaftig eine ganz andere Nummer, diese Menschen gut zu führen. Das funktioniert meines Erachtens nur über den gleichen Weg, wie ein Tanzpartner den oder die Folgende führt. Darüber haben wir uns auch in unserem Blog einige Gedanken gemacht http://www.phasefuenf.de/arbeitsmethodik/blog/

    Herzliche Grüße
    Kirsten

    Antworten
    • Richard Schieferdecker
      Richard Schieferdecker says:

      Hallo Kirsten,

      danke für Dein Feedback und den Link. Das ist ja eine ganze Artikel-Serie! Die muss ich mir mal in Ruhe vornehmen, bevor ich mich dazu äußern kann. 🙂

      Viele Grüße
      Richard

      Antworten
  3. Marietheres Mimberg
    Marietheres Mimberg says:

    Hallo Richard,

    ein sehr interessanter Artikel; ich hab‘ ihn gern gelesen – und auch ein wenig dabei geschmunzelt, wenn ich auf Deinen Claim schaue: Ingenieur.Forscher.neugierig.Schön!

    Im weiteren Nachdenken über Deine Thesen finde ich den Aspekt besonders bedenkenswert, den Du unter Punkt 1 erwähnst. Ich umschreibe mal: Wenn ein Führungsimpuls „aus dem Takt gerät“, um bei Deinem Bild zu bleiben, also unwirksam bleibt, kann es ebenso an dem zu Führenden liegen, der den Impuls nicht wahrnimmt, nicht aufnimmt oder falsch oder gar nicht umsetzt. Oder halt seinem eigenen Impuls folgt.
    Ich denke, Du wirst aus Deiner Erfahrung als Turniertänzer mehr als Recht haben, wenn Du beschreibst, dass dies besonders dann passiert, wenn der zu Führende ein Anfänger ist. (Ein wenig freut es mich, hier nicht die weibliche Form zu benutzen … Zur Erklärung: ich tanze selbst – nur in einem Tanzkreis – und bin also die zu Führende dort. Und manchmal, manchmal sagt mein Partner … oder der Tanzlehrer …nun denn. 🙂 )
    Wieder ernsthafter: Ich arbeite in der Führungskräfteentwicklung und möchte diesen Deinen Aspekt voll unterstützen. Und hier ist m.M. nach auch eine Möglichkeit, das Führen ‚übbarer‘ zu machen. Und zwar in der Ausweitung. Wir sollten nicht das xte Training, das xte Rollenspiel für die (Nachwuchs-)Führungskraft planen, sondern ebenso intensiv unseren Trainer- und Entwicklerblick auf die Zu Führenden lenken und auf das, was sie an Fähigkeiten und Kompetenzen haben sollten oder entwickeln könnten. Ein Nebeneffekt dabei: Die ganze Situation einer neuen Führungskraft und ihrer ersten Schritte auf glattem Boden entkrampft schnell und wird weniger einseitig bewertend beobachtet, wenn der zweite Part ebenso auf seine Schritte und damit auf den Boden achten muss.

    Mit Udo Hees, den Du auch kennst, arbeite ich in team.bewegt – einer Fachabteilung in meinem Unternehmen – in unserem gemeinsam entwickelten Projekt, in dem wir den Tanz und seine Bewertungskriterien auf den verschiedenen Ebenen und Meta-Ebenen real in die Teamentwicklung von Profit-Teams einbringen. Eine effektive Maßnahme – allerdings im Bezugrahmen der Rollenfindung, -klärung und -schärfung, da wir mit Gruppen arbeiten und nicht mit Paaren.

    Vielleicht ergibt sich ja ein weiterer Austausch.

    Viele Grüße!

    Marietheres

    Antworten
    • Richard Schieferdecker
      Richard Schieferdecker says:

      Hallo Marietheres,

      das ist ein sehr wichtiger und sicher häufig unterschätzter Aspekt, den Du da ansprichst. Wobei man doch eigentlich davon ausgehen sollte, dass neue Führungskräfte auf eine alte folgen und die zu Führenden den Umgang mit einer Führungskraft gewohnt sein sollten.

      Auf der anderen Seite ist ein Führungswechsel sicher eine gute Gelegenheit, das gesamte Team in Bezug auf ein gutes Verhältnis zwischen Führenden und Geführten zu qualifizieren.

      Viele Grüße
      Richard

      Antworten

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