3 große Fehler im Startup – und wie Sie sie vermeiden

Zu langsam, zu spät, zu sorglos – das sind meine Antworten auf die Frage nach den häufigsten Fehlern bei Gründern und Startups. Sage One hat zur Blogparade aufgerufen, an der ich mich gerne beteilige und meine Erfahrungen aus eigenen Gründungen und der Arbeit mit anderen Gründern einbringe. 

Im Artikel Die größten Fehler in der Buchhaltung hat Jakob Schlademann im Mittelstandsblog von Sage One vorgelegt: Zettelwirtschaft bei den Belegen, Verspätungen beim Finanzamt, Verzicht auf Beratung, Fehler bei der Buchung und berufliches und privates vermischen. Verständlich, dass sich ein Anbieter von kaufmännischer Software auf die finanziellen Fehler konzentriert.

Da die Blogparade heute am 04.09.2015 endet, gibt es damit von mir einen Blogartikel außer der Reihe.

Bei mir klingen die Fehler teilweise ähnlich, dahinter verbergen sich aber in zwei von drei Fällen andere Themen.

1. Zu langsam mit der Idee am Markt

In der Vergangenheit haben alle erst mal Businesspläne geschrieben. Wozu das führte, hat schon im Jahr 2004 – also vor über zehn Jahren – der amerikanische Entrepreneurship-Professor Jeffry A. Timmons formuliert:

Ein Businessplan ist im Grunde überholt, wenn er aus dem Drucker kommt.

Etwas anders, aber grundsätzlich in die gleiche Richtung, hat es Steve Blank ausgedrückt:

Kein Businessplan überlebt den ersten Kundenkontakt.

Steve Blank hat mit dem Customer Development Process ein Vorgehen entwickelt, mit dem man die Entwicklung eines Geschäftsmodells von der Ausführung des Geschäftsmodells trennt.

Die Entwicklung des Geschäftsmodells beschreibt Blank als die Such-Phase. Sie läuft in zwei iterativen Schritten ab:

  1. Customer Discovery übersetzt die Vision der Gründer in Hypothesen für die Bestandteile des Geschäftsmodells. Auf dieser Basis werden „Experimente“ definiert, mit denen die Hypothesen überprüft werden („Get out of the building and into conversation with your customers“). Wenn die Kunden sowohl das Problem als auch den Lösungsansatz bestätigen, ist Schritt 1 abgeschlossen.
  2. Customer Validation weist nach, dass das in Schritt 1 erarbeitete Geschäftsmodell wiederholbar, skalierbar und profitabel realisierbar ist. Existiert der Markt wie angenommen?

Nach jedem dieser Schritte werden mit hoher Wahrscheinlichkeit sogenannte Pivots, also Richtungsänderungen eintreten. Die Idee dahinter ist, dass man sich konsequent darauf einlässt, dass die eigenen Hypothesen fehlerbehaftet sind – was auch überhaupt kein Problem darstellen sollte.

In a startup, the founders define the product vision and then use customer discovery to find customers and a market for that vision.

Steve Blank, Bob Dorf: The Startup Owners Manual, S. 25

Die Schritte 3 und 4 beschäftigen sich dann damit, das Geschäftsmodell umzusetzen (Customer Creation und Company Building).

Beschrieben hat er das zunächst im Buch The Four Steps to the Epiphany, später gemeinsam mit Bob Dorf in The Startup Owner’s Manual. Eine deutschsprachige Ausgabe ist 2014 als Das Handbuch für Startups erschienen, das erste Kapitel des englischen Originals gibt es auch als PDF.

Die Entwicklung des Geschäftsmodells basiert dabei auf dem 2008 von Eric Ries veröffentlichten Buch „The Lean Startup: How Today’s Entrepreneurs Use Continious Innovation to Create Radically Successful Businesses“ (in deutsch erschienen als Lean Startup: Schnell, risikolos und erfolgreich Unternehmen gründen).

Die Idee von Eric Ries ist einfach:

Finde so schnell wie möglich heraus, was am Markt angeboten werden soll.

Wie ich schon im Blogartikel Mit 4 wichtigen Schritten zum erfolgreichen Unternehmen beschrieben hatte, unterscheidet sich der Lean Startup-Ansatz nicht grundsätzlich vom Regelkreises Plan, Do, Check, Act. Eric Ries hat das als build, measure, learn bezeichnet.

Für diesen Lern-Zyklus nutzt Ries ein sogenanntes Minimum viable product. Das kann z. B. eine einfache Website sein, mit der man versucht, einen Bedarf für seine Problem-/Angebotskombination zu verifizieren.

Wichtig ist dabei, dass mit dem geringst möglichen Aufwand der maximal mögliche Lernerfolg erzielt werden sollte.

Fazit zu Fehler 1

Aus eigener Erfahrung und aus der Zusammenarbeit mit etlichen Gründern kann ich die eben beschriebenen Methoden nur wärmstens empfehlen. Und ja, das funktioniert auch bei Geschäftsideen, bei denen man möglicherweise Angst vor Nachahmern hat.

2. Zu spät mit Strukturen und Prozessen beschäftigt

Von Gründern und jungen Unternehmern höre ich immer wieder: „Lass mich mit dem Thema Prozesse definieren in Ruhe. Dafür habe ich keine Zeit und außerdem will ich mich nicht durch unsinnige Regelungen einengen lassen. Prozesse gehören zum Bürokratie-Irrsinn der großen Unternehmen und Konzerne.“

Fragt man auf der anderen Seite etwas erfahrenere Unternehmerinnen und Unternehmer nach ihren größten Fehlern, dann kommt ganz oft eine solche Antwort: „Dass ich mich zu spät um meine Prozesse und Strukturen gekümmert habe.“

Ein Widerspruch?

Nein, natürlich nicht. Eher unterschiedliche Lebens- bzw. Berufserfahrung.

Lassen Sie mich das an einem einfachen Beispiel festmachen, der jährlichen Steuererklärung.

Bei mir macht das mein Steuerberater. Dabei muss ich dafür sorgen, dass ich rechtzeitig alle relevanten Unterlagen einreiche. Wie sieht dieser Prozess aus?

  1. Es gibt eine definierte Ablage für alle steuerrelevanten Unterlagen und Belege, segmentiert nach verschiedenen Kriterien, wie Belege vom Finanzamt, private Nachweise (Versicherungen, Lohnbescheinigungen, etc.) oder Büro (Eingangs- und Ausgangsrechnungen, Umsatzsteuervoranmeldungen, Fahrtenbuch, etc.).
  2. In der Aufgabenverwaltung existiert eine jährlich sich wiederholende Aufgabe (mit Termin, wann die Unterlagen abgegeben werden müssen).
  3. Für die Zusammenstellung der Unterlagen gibt es eine (ständig von mir angepasste) Checkliste, was alles abgegeben werden muss.

Zugegeben, ein kleiner Prozess. Aber dafür brauche ich ja auch kein ausgefeiltes Flussdiagramm. Da reicht auch eine Checkliste.

Ob der Prozess funktioniert, kann ich an der Anzahl der Rückfragen meines Steuerberaters festmachen. Oder wenn mir noch Fehler auffallen, wenn ich den Steuerbescheid schon in den Händen halte.

Warum die systematische Auseinandersetzung mit Strukturen und Prozessen wichtig ist, darauf bin ich schon im allerersten Blogartikel unter dem Stichwort Schulbustest eingegangen.

Aber soweit muss es gar nicht kommen. Nur die gezielte Auseinandersetzung mit meinem Geschäftssystem, also den Strukturen und Prozessen hilft mir, systematisch immer besser und besser zu werden.

Wie beim oben beschriebenen Unterschied zwischen Businessplan und iterativ entwickeltem Geschäftsmodell auch, geht es hier um die Einstellung zum Thema.

Kein beschriebener Prozess ist in Stein gemeißelt. Aber nur ein beschriebener bzw. definierter Prozess gibt mir die Möglichkeit, ihn systematisch zu verbessern.

Ja, am Anfang kann man sich viele Prozesse und wie man sie vorher durchgeführt hat auch noch merken. Mit der Zeit wird das ob der Vielzahl von Prozessen und i. d. R. auch beteiligten Personen aber sehr schwierig bzw. fast unmöglich. Mit der Vielzahl der Themen, die man als Unternehmer systematisch bearbeiten sollte, wird sich übrigens der nächste Blogbeitrag beschäftigen.

Fazit zum Fehler 2

Machen Sie sich systematisch Gedanken über Ihre Strukturen und Prozesse. Nutzen Sie dafür den oben angesprochenen PDCA-Zyklus (Plan, Do Check, Act). Wie das geht, habe ich im Blogbeitrag Mit 4 wichtigen Schritten zum erfolgreichen Unternehmen beschrieben.

3. Zu sorglos mit Finanzen und Steuern umgegangen

Für viele insbesondere technisch orientierte Gründer sind die finanziellen Aufgaben oft ein Gräuel. Das merkt man dann auch im Umgang mit den Finanzen und insbesondere dem Finanzamt.

Keinen Überblick über die Liquiditätssituation der nahen Zukunft, keine Ahnung über die Rentabilität der unternehmerischen Aktivitäten, keine Vorstellung über zukünftige Steuervorauszahlungen. Das sind nur drei Probleme, die mit der unzureichenden Auseinandersetzung mit den eigenen unternehmerischen Finanzen einhergehen können.

Die Lösungsansätze will ich an dieser Stelle nicht wiederholen und verweise stattdessen noch mal auf den oben angesprochenen initialen Artikel der Blogparade Die größten Fehler in der Buchhaltung von Jakob Schlademann.

Fazit zum Fehler 3

Beschäftigen Sie sich regelmäßig (mindestens monatlich) mit der finanziellen Situation Ihres Unternehmens. Die Pflicht ist dabei mindestens eine Liquiditätsplanung, mit der Sie auch die nahe Zukunft prognostizieren. Der Prognosehorizont kann dabei sehr unterschiedlich sein, das hängt vom jeweiligen Geschäftsmodell ab.

Den Rest kann man delegieren, z. B. an den Steuerberater.

Fazit

Für mich sind es im Wesentlichen drei gravierende Fehler, die Startups immer wieder begehen:

  1. Zu langsam mit der Idee am Markt
  2. Zu spät mit Strukturen und Prozessen beschäftigt
  3. Zu sorglos mit Finanzen und Steuern umgegangen

Was sind Ihre bzw. Eure Erfahrungen? Ich freue mich auf die Diskussion.

Adieda

Richard Schieferdecker

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