Bildnachweis: Theater in Delphi von william.neuheisel (CC-BY 2.0, Abmessungen angepasst)

Gibt es eigentlich auch eine exzellente Gesellschaft?

NRW hat am letzten Wochenende einen neuen Landtag gewählt. Und es sieht so aus, als sei der Wechsel gewählt worden. Wird sich jetzt etwas ändern? Sollte man meinen, nach den Worten von Armin Laschet oder Christian Lindner. Um es mit den Worten von Goethes Faust zu sagen: “Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.”

Nach längerer Zeit also mal wieder ein Blogbeitrag. Und dann auch noch ein augenscheinlich politischer. Der Auslöser dafür sind einige Gespräche, die ich in den letzten Wochen und Monaten insbesondere mit Dr. Alexander Plitsch geführt haben – die aber durchaus mit meinen bisherigen Themen zu tun haben.

Ich habe das Vertrauen verloren

Ich habe das Vertrauen in unsere Politiker verloren. Ich glaube nicht mehr daran, dass sie die vor uns liegenden Herausforderungen nachhaltig lösen können. Ich glaube nicht mehr an ihre Gestaltungsfähigkeit.

Ich zweifle dabei gar nicht an ihren Kompetenzen. Ich zweifle daran, dass sie – so eingebunden, wie sie in das Geflecht von Politik, Wirtschaft und Lobbyismus sind – wirklich noch etwas verändern können.

Un diese Zweifel liegen insbesondere in zwei zentralen Punkten begründet:

  1. Keiner der aktuell aktiven Politiker kann mir den Eindruck vermitteln, als könnte er oder sie in komplexen Systemen denken. Ich habe nicht einmal den Eindruck, als hätten die Politiker eine Vorstellung davon, wie das komplexe System Gesellschaft funktioniert.
  2. Ich sehe bei keiner der etablierten Parteien eine konsensfähige Vorstellung davon, wie eine lebenswerte und nachhaltig überlebensfähige Zukunft aussehen könnte.

Und das sind zwei Themen, die in meinen Augen eminent wichtig sind, damit wir die aktuellen Herausforderungen nachhaltig lösen können:

  1. Ein geteiltes Verständnis davon, wie unser System Gesellschaft funktioniert und an welchen Stellschrauben es sich wirklich zu drehen lohnt. Sonst ist die Gefahr zu groß, dass alle Initiativen und Maßnahmen Symptomkorrektur bleiben.
  2. Ein möglichst breiter Konsens, eine von vielen Menschen geteilte Vorstellung davon, wie wir leben wollen. Sonst drehen wir das System immer wieder von einer zur anderen Seite und zurück.

Nochmal: Ich behaupte nicht, die Politiker könnten nicht in komplexen Systeme denken oder sie hätten kein Bild einer nachhaltig überlebensfähigen Zukunft.

Es kommt auf jeden Fall nichts bei mir an.

Und bei vielen anderen augenscheinlich auch nicht.

Was ist eigentlich eine exzellente Gesellschaft?

Fangen wir mit dem Bild von der Zukunft an. Was ist eigentlich eine lebenswerte und nachhaltig überlebensfähige Gesellschaft?

Um meinen Anspruch an die Lösung gleich vorweg zu nehmen:

Eine exzellente Gesellschaft ist dauerhaft in der Lage, die Erwartungen aller ihrer Interessengruppen zu erfüllen oder zu übertreffen.

Kommt das von mir? Nö.

Seit etwas über zehn Jahren beschäftige ich mich mit der Frage, was exzellente Unternehmen bzw. allgemeiner Organisationen ausmacht und wie man da hinkommt.

Die obige Definition einer exzellenten Gesellschaft habe ich angelehnt an die Definition einer exzellenten Organisation, wie sie von der European Foundation for Quality Management Ende der 80er entwickelt wurde:

Exzellente Organisationen erzielen dauerhaft herausragende Leistungen, welche die Erwartungen aller ihrer Interessengruppen erfüllen oder übertreffen.

EFQM Excellence Modell 2013, Titelblatt

Ich halte diese Definition einer exzellenten Organisation für so allgemein, dass sie sich m. E. durchaus auch auf eine Gesellschaft übertragen lässt.

Reicht es aus, einfach Organisationen durch Gesellschaften zu ersetzen?

Ich glaube: Ja, so einfach können wir es uns machen.

Ich habe zwar oben die herausragenden Leistungen weggelassen. Ich bin aber überzeugt davon, dass wir noch für eine lange Zeit herausragende Leistungen brauchen, um den Wunsch vieler Menschen nach einem lebenswerten Leben zu erfüllen. Die Leistung brauchen wir, damit dieses Leben auch dauerhaft möglich ist.

Auf der anderen Seite glaube ich nicht daran, dass wir dauerhaft Wachstum brauchen. Es gibt nur einen Organismus, der dauerhaft wächst – und der tötet am Ende seinen Wirt: der Krebs.

Die wichtigste Leistung einer exzellenten Gesellschaft wird dabei sein, die Erwartungen aller ihrer Interessengruppen auszubalancieren.

Wer sind denn die Interessengruppen einer Gesellschaft?

Ich weiß es nicht.

Ich fange aber mal mit ein paar Beispielen an, die mir spontan so in den Kopf kommen: unsere Kinder, multinationale Technologiekonzerne, Umweltschützer, LGBTQI+, Migranten, Investmentbanker, Unternehmer, Arbeiter, Liberale, Konservative, Linke, Rechte, Rheinländer, Gläubige, Ungläubige, Rentner, und, und, und.

Wir könnten versuchen, das zu definieren.

Um uns dann ein Bild von deren Erwartungen zu machen.

Und uns die Frage zu stellen, wie man diese Erwartungen ausbalancieren kann.

Ich bin überzeugt davon, dass man da sehr viel ausbalancieren kann. Sicher nicht alles. Aber da ist auch nichts alternativlos!

Daraus lässt sich dann ein weitgehend geteiltes Verständnis von einer lebenswerten Zukunft entwickeln.

Wie funktioniert eigentlich unsere Gesellschaft?

Unsere Gesellschaft ist ein komplexes System. Das bedeutet, die Zukunft ist – im Gegensatz zu komplizierten Systemen – nicht exakt vorhersagbar. Wir reden hier von nichtlinearen dynamischen Systemen, deren Zusammenhänge sich mit der Zeit verändern.

Warum ist es wichtig, sich mit diesen Zusammenhängen zu beschäftigen?

Es wird z. B. immer wieder von der Abhängigkeit unserer Gesellschaft von der Automobilindustrie gesprochen. Ist das wirklich so? Oder von systemrelvanten Banken, die wir unbedingt mit Steuergeldern retten müssen. Warum ist das so?

Auch hier fehlt mir ein geteiltes Bild davon, wie wir dieses System Gesellschaft heute verstehen wollen. Und das ist zunächst mal kein Widerspruch zur oben genannten Nichtvorhersagbarkeit komplexer Systeme. Ein grobes Bild davon, wie solche Systeme funktionieren, kann man durchaus identifizieren – inklusive geeigneter Stellschrauben.

Zurück geht das Denken in komplexen Systemen auf Staffor Beers Viable System Model (1958, deutsch Modell lebensfähiger Systeme), Jay W. Forresters Principles of Systems (1968, auf deutsch Grundzüge einer Systemtheorie 1972) oder Ludwig v. Bertalanffys General Systems Theory (1968).

Im deutschen Sprachraum bin ich durch Frederic Vesters Sensitivitätsmodell (1980) bzw. sein Buch Die Kunst vernetzt zu denken (2000), Peter Gomez und Gilbert Probsts Die Praxis des ganzheitlichen Problemlösens (1995) und insbesondere Dientrich Dörners Die Logik des Mißlingens (1989) vertrauter mit dem Thema geworden. Speziell das letzte Buch hat mich sehr stark in meinem eignenen Denken beeinflusst.

Ein gutes Beispiel ist die Systemstudie zum Thema Verkehr, die Frederic Vester im Auftrag von Ford Deutschland – damals noch unter Daniel Goeudevert – erstellt hat. Der Ford-Mutterkonzern hat die Ergebnisse zunächst unter Verschluss gehalten. Zwei Jahre später durfte Vester sie dann veröffentlichen, sie sind 1991 unter dem Titel Ausfahrt Zukunft erschienen (leider vergriffen).

Lässt sich so eine Systemstudie auch für unsere Gesellschaft erstellen?

Ich denke, ja!

Das wird aber nicht von heute auf morgen passieren. Da brauchen wir die klügsten Köpfe, die wir haben – und die, die das uns allen verständlich erklären können.

Wir sollten es aber auf jeden Fall versuchen!

Und zwar möglichst frei von Ideologien. Sondern basierend auf den Erkenntnissen unserer Geistes- und Sozialwissenschaftler, den Ökonomen, Ökologen, Ingenieuren und Informatikern.

Schaffen unsere etablierten Parteien das?

Ich befürchte, nein.

Wie ich oben schon geschrieben hatte, sind die größeren Parteien zu sehr eingebunden in das Geflecht von Politik, Wirtschaft und Lobbyismus. Und die an den Rändern rechts oder links sehr verfangen in ihren Ideologien.

Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatt, schreibt in der Dienstagsausgabe des täglichen E-Mail-Newsletter Morning Briefing über die schauspielerischen Herausforderungen der Politiker nach der Landtagswahl in NRW und dass wir Bürger nur passiv als Publikum im Theater der Politik zusehen.

Erst auf dem Weg nach Hause dämmert uns, dass die Demokratie im Ursprungsmanuskript eigentlich als Mitmachstück konzipiert war. Vielleicht waren die Hauptdarsteller gar nicht so schlecht, wir nur zu träge. Womöglich meinte der Dramaturg Oscar Wilde uns, die Voyeure der Demokratie, als er sagte: „Das Stück war ein großer Erfolg. Nur das Publikum ist durchgefallen.“

Gabor Steingart

Was also tun?

Am letzten Wochenende im April wurde in Berlin Demokratie in Bewegung als neue Partei gegründet. Der eingangs angesprochene Alexander Plitsch ist der frisch gewählte Vorsitzende dieser Partei. Und Demokratie in Bewegung will einiges anders machen.

Alexander und ich haben insbesondere über die beiden Aspekte geteiltes Systemverständnis und das Bild einer exzellenten Gesellschaft gesprochen. Und wir sind hier zur gemeinsamen Auffassung gekommen, dass das ein möglicher Weg ist.

Gerne trage ich dazu meinen Teil bei – damit auch meine Kinder noch eine lebenswerte Zukunft haben. Die Diskussion darüber hat im Kreis von Demokratie in Bewegung gerade begonnen und ich bin gespannt auf den Austausch.

Adieda

Richard Schieferdecker

0 Kommentare

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.